Trauer und die Wahrheit


Alles weg, alles anders und der Schmerz

Was passiert eigentlich, wenn du in nur einem Augenblick alles was da ist und alles was du geplant hast, verlierst? Wenn deine Annahme über den jetzigen Zeitpunkt, die Situation, die Möglichkeiten nicht real waren? Wenn deine Pläne, deine Vorstellung von der Zukunft, deine Termine und Verpflichtungen auf einmal nicht mehr existieren?

Panik, Schmerz, Angst und Aussagen wie: „alles verändert sich, alles fließt, nichts ist permanent, jeden Moment gibt es nur einmal“, schwirren gleichzeitig herum und lähmen dich. Irgendwo schlummert da die Hoffnung und der Glaube, dass alles einen Grund hat und alles genau so passieren soll, damit du letztendlich dahin kommst, wo du hingehörst. Aber kann man das wirklich annehmen und glauben in so einem Moment? NEIN. Und wie lange dauert so ein Moment an? Tage, Wochen, Monate, Jahre?

In solch einem Moment, wo deine Welt – innen und außen – dir unter den Füßen weggerissen wird, wo du realisierst, dass wahrscheinlich nichts real war, dass vielleicht sogar alles eine Lüge war, landest du ganz unten auf dem Boden – sekundenschnell, hart, dunkel.

 

Chaos und das lange Warten bis zur Akzeptanz

Du erinnerst dich an all die Methoden, Tipps und Tricks… an all die aufbauenden Sprüche, Zitate und Aussagen. Du versuchst zu atmen, im Moment zu sein, zu vertrauen und zu glauben. Genau, du „versuchst“ es – bist du erfolgreich? NEIN. Denn in dem Moment, in den Momenten, ist alles Chaos, ist alles hoffnungslos, ist alles genauso wie du es NICHT willst. Dein Verstand schreit – du weißt er lügt – aber fühlst du es? NEIN. Du willst es einfach nicht! Widerstand baut sich auf.

Du wartest, wartest auf den Tag, den Moment, wo du anfängst zu akzeptieren. Wo dein Verstand endlich aufhört Gründe, Lösungen, Analysen zu produzieren. Wo du, obwohl dein Verstand es nicht versteht, einfach sagst: „ok“. Du wartest auf den Augenblick, in dem der Schmerz abklingt, in dem du vor deinem Verstand kapitulierst und ihn nicht mehr so ernst nimmst. Irgendwann kommt ein Moment, in dem du wieder Kraft hast, in dem du wieder Raum hast. Raum für Schönes, Raum für dich, Raum für die Gegenwart und die Zukunft. In diesem Moment hast du angefangen zu akzeptieren und du hast deinen Widerstand aufgegeben. In dem Moment bist du frei. Keine Enttäuschung, kein Hass, keine Wut.

 

Illusion, Angst und die Wahrheit

Du fragst dich, wann ist es soweit? Wann bin ich frei? Wann kann ich weitermachen? Wann hört der Schmerz und die Trauer auf? Um ehrlich zu sein… dieser Moment kann heute, morgen oder in 6 Monaten kommen. Es liegt an uns. Es liegt daran, wie schnell wir uns erlauben zu heilen, wie schnell wir das offenliegende Trauma, die Verletzungen heilen. Ob wir uns erlauben zu Trauern, alles zu fühlen was da ist und ob wir diesen Zustand auch annehmen können. Es liegt an unserer Fähigkeit zu hoffen und zu vertrauen. Wann erlauben wir uns wieder zu glauben, das alles „ok“ wird? Wann nehmen wir die Tatsache an, dass alles eine Illusion ist? Das selbst, wenn deine Welt auf einmal zerstört wird, unsere Wahrheit IMMER da ist – immer total und vollständig ist. Unsere Wahrheit hat nichts mit unserer äußeren Welt zu tun, doch machen wir uns von dieser abhängig.

Was ist unsere Wahrheit? Was ist echt? Etwa all unsere Geschichten? Etwa das, was uns angetan wurde? Etwa das, was wir durchgemacht haben? NEIN. Das einzige was echt ist, sind unsere Gefühle. Unsere Gefühle und nicht unsere Gedanken. Das, was wir tatsächlich „in uns“ fühlen. Das, was unser Körper empfindet. Das, was da kribbelt, drückt, zerreißt, wirbelt, warm oder kalt ist. Genau da: in unserem Nacken, unserer Brust, im Bauch, am Rücken… überall. Angestaut, wild – es ist einfach da. Unser Verstand schnappt sich diese Empfindungen und beurteilt sie in Sekundenschnelle. Und das wird er IMMER machen. IMMER. Er erzählt dir riesige Geschichten zu diesen Gefühlen, damit du genau „weißt“ was sie zu bedeuten haben!!! Dein Verstand beschießt dich mit Bildern, Situationen, Erwartungen, deiner Vergangenheit, einer möglichen Zukunft und lässt dich, wenn du ihn lässt, im Sumpf des eigenen Leids untergehen. Er verknüpft die Wahrheit (deine Gefühle) mit Illusionen. Dein Verstand hat Angst. Ängste leiten deinen Verstand. Ängste wollen befriedigt werden. Ängste wollen, dass du Zuhause bleibst und nichts tust. Ängste brauchen Sicherheit. Sie wollen nicht, dass du fühlst. Sie wollen nicht, dass du vertraust. Sie wollen verstehen, analysieren, Antworten und Logik. Ängste lähmen dich.

„Dein Verstand verknüpft die Wahrheit (deine Gefühle) mit Illusionen.“

 

Gefühle und Programmierung

Umso weniger wir uns im Gefühl befinden und diesem vertrauen, umso mehr sind wir im Verstand und gleichzeitig lassen wir uns von unseren Ängsten leiten. Wir sind logisch, rational und befriedigen das in uns, was einprogrammiert ist. Programmiert durch Gesellschaft und Erziehung. Wir tun das, von dem wir denken was „richtig“ ist. Wir fühlen das, was wir gelernt haben zu fühlen. Wir fühlen NICHT das, was wir uns aus tiefster Seele wünschen zu fühlen, dass was tatsächlich in jedem von uns da ist, da wir eine beschissene Angst davor haben und unser Verstand es nicht zulässt. Wir rennen weg! Wir entsprechen dem Bild, welches die Gesellschaft uns auferlegt hat. Oder wir entsprechen dem Bild, welches wir uns selbst auferlegt haben, aus Angst vor unseren Gefühlen und all den tiefen Sehnsüchten, die in uns stecken. Leben wir auf dieser Weise nach unseren Bedürfnissen und unserer Wahrheit? NEIN. Werden wir auf diese Weise jemals erfüllt und glücklich? NEIN.

 

 

Aber warum ist es denn so schwer in einem Moment der Trauer und der Verzweiflung auf seine Gefühle zu hören? Warum leiden wir, analysieren wir, denken wir, anstelle zu fühlen? Weil auch das menschlich ist… weil wir es so gelernt haben… weil unser Verstand es nicht anders kann und er ist ein Teil von uns.

Es gibt keine Anleitung. Nicht DEN Weg. Keine allgemeine Lösung. Der einzig mir bekannte Weg ist zu fühlen. Immer wieder. Fühlen. Abwarten. Fühlen. Sei mutig. Alles wird gut.

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